Warum Moodle?

In „Digitale Lernplattformen in der Volksschule“ beschreiben Beat Döbeli und seine Mitautoren die Auswirkungen der Nutzung von Lernplattformen auf den Unterricht. Dabei wird auch Moodle (S. 43) mehrmals erwähnt. Da Moodle gemäss den Autoren jedoch „vorwiegend in den Hochschulen eingesetzt“ wird (S. 39), verzichtet der Bericht auf eine nähere Beschreibung der Plattform, obwohl es sich dabei um das weltweit am häufigsten eingesetzte Learning Management System (LMS) handelt. Stattdessen werden im Kapitel 5.5 die Plattformen Microsoft Teams for Education (weit verbreitet an den Volksschulen der Schweiz), LearningView (eine Eigenentwicklung der PH Schwyz) und das seit 2020 eingestellte educanet² vorgestellt. Insbesondere bei der letztgenannten Plattform ist schwer nachvollziehbar, weshalb diese Aufnahme in die Publikation gefunden hat, richtet sich diese doch an Entscheidungsträger (S. 6).

Ausserdem fällt auf, dass alle drei Plattformen auf dem sogenannten „closed-source“-Modell beruhen. Diese eingeschränkte Sichtweise wird durch eine Argumentation untermauert, welchen kommerziellen Anbietern attestiert, agiler und effizienter agieren zu können als staatlichen. So werden öffentliche Werkzeuge als „kaum bekannt, weniger benutzerfreundlich … oder schlicht ungewohnt im Vergleich zu etablierten Lösungen“ beschrieben (S. 99) und im Vergleich wird staatlich entwickelten Lösungen geringere Kompetenzen und Anreize für Innovation nachgesagt (ebenfalls S. 99). Auch wenn Aussagen wie Lehrpersonen beklagten, „Dass staatliche Lösungen zu wenig nutzungsfreundlich seien“ (S. 103) als Drittaussagen portiert werden, können diese in einem schulischen Umfeld durch den Bericht bestehende Vorurteile verstärken.

Dabei führt die Publikation durchaus starke Argumente zur Problematik des Einsatzes kommerzieller Plattformen an. Dazu gehören Lock-in Effekt (S. 17), Enshittifaction (S. 35), Datenschutz (S. 57), keine oder fehlende Anpassung an lokale Gegebenheiten (S. 50) und Preiserhöhungen (S. 93).

Gerade weil Moodle in den Volksschulen der Schweiz noch wenig Verbreitung gefunden hat, der Einsatz im Ausland aber durchaus zeigt, dass die Plattform sich auch für diese Schulstufe eignet und die Entwicklung in den letzten Jahren sehr dynamisch verläuft – im Bericht wird unter anderem mebis erwähnt (S. 40) [Anm. unterdessen ByCS] , soll hier anhand der im Bericht verwendeten Systematik detailliert auf die Plattform Moodle eingegangen werden und die dort fehlenden Informationen ergänzen.

Charakterisierung von Moodle (nach der Systematik von Döbeli, S.  44f.)

Pädagogische und inhaltliche Perspektive

Bildungsspezifität: Moodle wurde 2002 von Martin Dougiamas für den E-Learning Einsatz entwickelt und kann durch zahlreiche Plugins erweitert werden. Unterdessen gibt mit Moodle Workplace auch einen kommerziellen Ableger für Unternehmungen, das Augenmerk verschiebt sich aber zunehmend auch in Richtung Volksschule.

Unterstützung von Lehr- und Lernszenarien: Moodle (Modular Object-Oriented Dynamic Learning Environment) unterstützt verschiedenste Lehr- und Lernszenarien. Diese können durch die vorhandenen Erweiterungen weiter verfeinert werden. Solche Anpassungen können auch von Einzellehrpersonen durchgeführt werden (siehe weiter unten: Moodle Community). In den Standardeinstellungen ist Moodle jedoch vor allem ein Werkzeug, mit denen Lehrpersonen die Lerntätigkeit der Schülerinnen und Schüler organisieren.

Erstellung von Lerninhalten: Für das Erstellen von Lerninhalten benötigt man die entsprechende Berechtigung. Lernende können Inhalte standardmässig via Module wie Forum, Wiki und Datenbankaktivtäten publizieren. Technisch ist es aber auch möglich, Lernenden alle Berechtigungen zu erteilen, über die auch Lehrende verfügen (auch wenn das selten geschieht).

Adaptierbarkeit von Lerninhalten: Für die Anpassung von Lerninhalten gelten die gleichen Voraussetzungen wie für das Erstellen von Lerninhalten.

Teilbarkeit von Lerninhalten: Lerninhalte werden in Moodle in Kursen organisiert. Diese und Teile davon können in Moodle geteilt und auch extern weitergegeben werden.

Bildungspolitische Perspektive

Curriculare Passung: Da die Inhalte von Moodle von den Benutzenden selbst erstellt werden, ist die Passung davon abhängig, wie gut der Lehrplan inhaltlich abgebildet wird. Technisch ist es möglich, die Kompetenzen des Lehrplans in Moodle zu hinterlegen, dies scheitert jedoch daran, dass der Import des Lehrplans 21 von den Verantwortlichen technisch erschwert wird.

Qualitätsprüfung: Die inhaltliche Qualitätsprüfung muss durch die Personen gewährleistet werden, die Materialien zu Verfügung stellen, auch wenn es unterdessen Lehrmittelverlage oder Pädagogische Hochschulen gibt, die Materialien für Moodle zu Verfügung stellen. Die technische Qualität wird durch den Anbieter (Institution, SaaS) gewährleistet. Rechtlich liegt die Verantwortung bei den Betreibenden.

Nutzungsvorgabe/-empfehlungen: Auf der Volksschulstufe der Deutschschweiz wird Moodle punktuell eingesetzt. Es gibt keine allgemeinen Vorgaben oder Empfehlungen.

Daten-Souveränität: Wenn Moodle lokal betrieben wird, lässt sich die Nutzung der Daten vollständig kontrollieren. Mit der MoodleBox gibt es sogar die Möglichkeit, Moodle komplett ohne Internetanbindung zu verwenden.

Technische Perspektive

Instanziierung: Da Moodle quelloffen ist und frei verwendet werden darf, kann die Plattform lokal, regional und national betrieben werden. Moodle kann von einer einzelnen Lehrperson ebenso auf einem Server aufgesetzt werden, wie auf Instanzen, die Hundertausende (z.B. ByCS, Open University) oder Millionen (Betreiber in China) von Nutzern umfassen.

Lizenzierung: Moodle ist Open Source und kann damit von allen, welche über das technische Wissen verfügen angepasst und weiterentwickelt werden.

Interoperabilität: Moodle verfügt über mehrere Interoperabilitätsstandards wie SCORM, LTI und xAPI sowie verschiedene Import- und Exportformate z.B. für das Testmodul. Ausserdem können weitere Schnittstellen durch Plugins geschaffen werden (Produkte von Microsoft, Google, …).

Rechtliche Perspektive

Datenschutz: Moodle erfüllt die Vorgaben der DSGVO. Wo die Datenspeicherung stattfindet, entscheiden die Betreibenden.

Barrierefreiheit: Moodle legt grossen Wert auf Barrierefreiheit. Wie gut diese im konkreten Fall umgesetzt wird, hängt aber stark von den von Lehrpersonen erstellten Inhalten ab.

Moodle Community

Moodle zeichnet sich nicht nur durch die technische Offenheit aus, sondern verfügt auch über eine äusserst aktive Gemeinschaft, welche Moodle nicht durch technisch, sondern dessen Einsatz auch didaktisch und pädagogisch weiterentwickelt.

So gibt es verschiedenste jährliche Zusammenkünfte von der lokalen bis auf die internationale Ebene. Regional führt beispielsweise der Kanton St. Gallen jährlich ein Barcamp und einen Moodle-Impuls durch. Im Kanton Zürich finden Online-Treffen über den Digital Learning Hub Sek II statt. National und international werden jährlich mehrere MoodleMoots veranstaltet. Und im DACH-Raum trifft sich jeden Donnerstagabend die Moodlebande, ein durch Private organisierter Online-Austausch, an dem eine breite Palette von Fragen diskutiert und Neuentwicklungen vorgestellt werden.

Auch Moodle selbst bietet mit Foren in verschiedenen Sprachen eine wertvolle Austauschmöglichkeit an, bei der Fragen meist sehr wohlwollend und grossen Engagement von meist Freiwilligen beantwortet und diskutiert werden. Dabei können insbesondere mit Moodle noch nicht so vertraute Personen von teilweise mehr als 20-jähriger Erfahrung von Expertinnen und Experten profitieren.

Darüber hinaus ist es auch möglich, Entwickler direkt zu kontaktieren. Sei dies über das entsprechende Jira-Board oder bei Plugins meist über Github.

Moodle aus persönlicher Sicht

Mein erster Kontakt mit Moodle fand 2004 im Rahmen einer Weiterbildung an der FHNW statt. Seit 2007 setze ich Moodle im Unterricht ein.

Während viele Systeme im Laufe dieser langen Zeit entwickelt wurden und auch wieder verschwanden, hat sich Moodle als zuverlässige Konstante erwiesen, die nachhaltig (Aufwand für Lehrperson) eingesetzt werden kann und sich den Anforderungen eines sich verändernden und weiterentwickelnden Unterrichts gut angepasst hat.

Natürlich gab es zwischendurch seitens von Moodle Entwicklungen, welche sich im Nachhinein als Fehler erwiesen, durch den engen Kontakt mit den Nutzenden und die Beiträge vieler Freiwilliger wurden viele davon aber meist in relativer kurzer Zeit wieder korrigiert oder konnten durch lokale Anpassungen abgefedert werden.

Was ich aber an Moodle am meisten schätze, ist die Möglichkeit, meine pädagogischen Vorstellungen in Moodle weitgehend umsetzen zu können, ohne dass mich das System in wesentlichen Aspekten einschränkt. Denn wenn einmal eine entsprechende technische Voraussetzung fehlt, dann kann diese über ein bestehendes Plugin nachgerüstet oder durch den Einsatz von relativ wenig Code im Frontend ermöglicht werden. Gerade dieser Aspekt gewinnt mit der Entwicklung von KI-Sprachmodellen, die in Bezug auf Programmierung immer leistungsfähiger werden, an Bedeutung.

Die Zukunft

Das Betreiben einer Moodle-Instanz wird auch in Zukunft an technisches Wissen gebunden bleiben, weshalb Schulen entweder auf einen externen Anbieter zurückgreifen oder das dazu notwendige Wissen intern aufbauen sollten.

Pädagogisch öffnet der Einsatz von Moodle in Kombination mit zunehmend besseren Modellen des maschinellen Lernens Möglichkeiten, deren Ansätze aktuell an innovativen Schulen bereits im Einsatz aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind. Diese gehen weiter darüber hinaus, was mit Learnings Analytics und Datafication aktuell eher kritisch gesehen und vielleicht in Dialogen von Lernenden mit grossen Sprachmodellen nie perfekt umzusetzen sein wird.

Als Lehrperson müssen wir uns zunehmend die Frage stellen, inwieweit es unser Vorstellungsvermögen ist, welches uns darin einschränkt, Lernszenarien erfolgreich mit Lernenden umzusetzen. Anpassbare Plattformen wie Moodle werden uns dabei in Zukunft kaum mehr einschränken, weil es immer einfacher wird, technische Hürden zu überwinden und umgangssprachlich formulierte Vorstellungen programmtechnisch umzusetzen.