Online-Kurse als Quelle der Inspiration

Kritiker unterstellen Online-Kursen, sie würden nebst Kurzfutter-Videos und banalsten Multiple-Choice-Test nicht viel bieten. Die darin präsentierten Lerninhalte würden angeblich nur oberflächlich verarbeitet und eine soziale Interaktion mit anderen Teilnehmenden entfalle gänzlich. Meist wird diese Kritik von Personen geäussert, die selbst noch nie einen Online-Kurs absolviert haben, deshalb will ich hier dazu gar nicht Stellung nehmen, sondern von einem Unterrichtsprojekt berichten, welches sich im Planungsstadium befindet und aufzeigen, welche Bedeutung dabei ein Online-Kurs hatte.

Anfang Schuljahr sprachen sich die Deutsch-Lehrpersonen der Lerngruppen mit erweiternden Anforderungen dahingehend ab, dass wir uns mit Friedrich Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ beschäftigen wollten. Bei diesen Absprachen geht es in der Regel nicht darum, den Unterricht zu normieren, vielmehr sollen dabei Ideen ausgetauscht und Doppelspurigkeiten in der Vorbereitung vermieden werden. Für mich war relativ bald klar, dass ich dabei nicht auf das Originalwerk zurückgreifen, sondern die Comic Version, welche an einem Gymnasium entstand, in den Mittelpunkt stellen würde, weil diese das Werk nicht nur gut zusammenfasst, sondern zusätzlich auf der Bildebene zur Interpretation einlädt und zudem einen Einblick in die Bildsprache von Comics – oder genauer Graphic Novels – erlaubt.

Im klassischen Ansatz hätte ich nun den Comic mit den Schülerinnen und Schülern gelesen. Sie hätten eine Reihe von Fragen zum Inhalt des Textes beantwortet und vielleicht das eine oder andere Kapitel zusammengefasst. Dieses Vorgehen wird zwar weitläufig angewendet, aber es ist nicht immer zielführend, denn es erlaubt es den Schülerinnen und Schülern, sich der eigentlichen Zielsetzung, der gedanklichen Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk zu entziehen. Was also tun?

An dieser Stelle half mir ein Online-Kurs weiter, den ich letztes Jahr absolviert hatte: Literature in the Digital Age. Auf den Kurs selbst möchte ich hier nicht näher eingehen – obwohl dieser ebenfalls ein Leseprojekt zur Folge hatte. Wichtiger ist hier, dass der Kursleiter Philipp Schweighauser auch eine Reihe von weiterführenden Literaturempfehlungen abgab, u.a. zu Franco Morettis „Graphs, Maps, Trees“. Dieses lesenswerte schlanke Buch bespricht die Verwendung grafischer Repräsentationsmethoden bei der literturgeschichtlichen Untersuchungen. Im Kapitel „Trees“ bespricht Moretti nebst anderen Themen die Entwicklung des Kriminalromans im 19. Jahrhundert und er entwickelt eine Theorie, welche Merkmale dazu führen, dass eine bestimmte Ausprägung einer Literaturgattung – hier der Krimi nach dem Muster von Conan Doyles Sherlock Holmes – besonders erfolgreich sind. Nach Moretti spielt dabei die Verwendung von Hinweisen auf den Täter eine entscheidende Rolle.

Diese Bemerkungen Morettis führten zu einer kurzen Recherche zur Geschichte des Kriminalromans, wobei ich auch auf einen alten Bekannten Poes „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ stiess. Diesen Text hatte ich bereits mit Schülerinnen und Schülern gelesen. Mir war aber auch bewusst, dass ich dafür dieses Jahr die Zeit nicht finden würde. Trotzdem blieb die Frage im Raum, welcher Text nun als Urvater des Kriminalroman gelten dürfte.

All diese Überlegungen flossen letztlich in die Planung des Literaturprojekts rund um Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ ein. Ziel war es weiterhin, ein literarisches Werk zu lesen, dabei aber auch den Zugang für die unterschiedlichen Begabungen und Interessen der Schülerinnen und Schüler zu öffnen.

Aktuell ist die Planung noch nicht abgeschlossen, klar ist aber, welche Fragestellungen dabei von Interesse sein könnten:

  • Welche Personen spielen eine Rolle?
    Darstellung der Personen in Text und Bild (Foto, Zeichnung)
  • An welchen Orten spielt die Handlung?
    Orte und zurückgelegte Wege in einer Karte eintragen
  • Wann spielt die Handlung? Ist sie linear oder gibt es Rückgriffe?
    Darstellung der Handlung auf einem Zeitstrahl
  • Aus welcher Perspektive wird die Geschichte erzählt?
    Verbindung zum Originaltext (Erzählperspektive) und zu den Verfilmungen
  • Welche typischen Elemente des Krimis werden verwendet?
    Vergleich mit anderen Kriminalgeschichten und -romanen
  • Welche sprachlichen Mittel werden verwendet?
    Textanalyse mit Hilfe des Computers
  • Welche Mittel der Bildsprache werden verwendet (im Comic)?
    Welches sind typische Elemente der Bildsprache im Comic?
    Analyse gemäss Scott McClouds „Comics richtig lesen“
  • Wie entstand die Literaturgattung des Krimis?
    Geschichte der Kriminalliteratur, Lesen von frühen Kriminalgeschichte
  • Wie entstand die Literaturgattung des Comics?
    Geschichte des Comics
  • Welches sind wichtige Kriminalromane der Literaturgeschichte
    vergleichende Literatur, Lesen von Kriminalromanen, Schreiben von Kurzzusammenfassungen
  • Welches sind wichtige Krimiautoren?
    Biografien, Untersuchung des zeitlichen und örtlichen Erfolgs von Autoren
  • Welches sind wichtige Figuren in Kriminalromanen?
    Abstraktion der Figuren einzelner Werke auf Prototypen
  • Welche Formen des Kriminalromans gibt es?
    Auseinandersetzung mit der Vielfalt des Kriminalromans
  • Wie ordnest du „Der Richter und sein Henker“ in die Kriminalliteratur ein?
    Literaturvergleich und Einordnung eines literarischen Werkes

Damit wird es möglich, die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Text auf allgemeine Fragestellungen der Literatur und angrenzender Gebiete zu erweitern, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass Schülerinnen und Schüler unreflektiert Text zusammenkopieren und diesen als ihre eigenen gedanklichen Leistungen abgegeben, nicht weil sie damit glänzen wollen, sondern weil sie sich damit den intellektuellen Anstrengungen entziehen können, die eigentlich wesentlich für eine ernsthafte literarische Auseinandersetzung wären.

Wie gut die Umsetzung eines solchen Projekts gelingt, wird sich zeigen müssen, da diese wesentlich auch vom Engagement von Schülerinnen und Schülern abhängt. Durch die Erweiterung des Bezugsraum entstehen aber neue Zugänge auch für sehr individuelle Interessen, welche die Chance für ein Gelingen wesentlich erhöhen, wobei auch ganz klassische Vorgehensweisen wie die Beschreibung eines Bildes Platz finden können.

Quellen:

  • McCloud, Scott (1994). Comics richtig lesen. Carlsen
  • Moretti, Franco (2005). Graphs, maps, trees. Abstract models for literary history. Verso, London
  • Poe, Edgar Allan. Der Doppelmord in der Rue Morgue (Projekt Gutenberg)
  • Schweighauser, Philipp (2016). Literature in the Digital Age (Online-Kurs auf FutureLearn)

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