{"id":64,"date":"2017-02-19T11:06:41","date_gmt":"2017-02-19T11:06:41","guid":{"rendered":"http:\/\/gigers.com\/blog\/?p=64"},"modified":"2024-06-24T17:32:49","modified_gmt":"2024-06-24T17:32:49","slug":"online-kurse-als-quelle-der-inspiration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gigers.com\/blog\/online-kurse-als-quelle-der-inspiration\/","title":{"rendered":"Online-Kurse als Quelle der Inspiration"},"content":{"rendered":"<p>Kritiker unterstellen Online-Kursen, sie w\u00fcrden\u00a0nebst Kurzfutter-Videos und banalsten Multiple-Choice-Test nicht viel bieten. Die darin pr\u00e4sentierten Lerninhalte w\u00fcrden\u00a0angeblich nur oberfl\u00e4chlich verarbeitet und eine soziale Interaktion mit anderen Teilnehmenden entfalle g\u00e4nzlich. Meist wird diese Kritik von Personen ge\u00e4ussert, die selbst noch nie einen Online-Kurs absolviert haben, deshalb will ich hier dazu gar nicht Stellung nehmen, sondern von einem Unterrichtsprojekt berichten, welches sich im Planungsstadium befindet und aufzeigen, welche Bedeutung dabei ein Online-Kurs hatte.<\/p>\n<p>Anfang Schuljahr sprachen sich die Deutsch-Lehrpersonen der Lerngruppen mit erweiternden Anforderungen dahingehend ab, dass wir uns mit Friedrich D\u00fcrrenmatts &#8222;Der Richter und sein Henker&#8220; besch\u00e4ftigen wollten. Bei diesen Absprachen geht es in der Regel nicht darum, den Unterricht zu normieren, vielmehr sollen dabei Ideen ausgetauscht und Doppelspurigkeiten in der Vorbereitung vermieden werden. F\u00fcr mich war relativ bald klar, dass ich dabei nicht auf das Originalwerk zur\u00fcckgreifen, sondern die Comic Version, welche an einem Gymnasium entstand, in den Mittelpunkt stellen w\u00fcrde, weil diese das Werk nicht nur gut zusammenfasst, sondern zus\u00e4tzlich auf der Bildebene zur Interpretation einl\u00e4dt und zudem einen Einblick in die Bildsprache von Comics &#8211; oder genauer Graphic Novels &#8211; erlaubt.<\/p>\n<p>Im klassischen Ansatz h\u00e4tte ich nun den Comic mit den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gelesen. Sie h\u00e4tten eine Reihe von Fragen zum Inhalt des Textes beantwortet und vielleicht das eine oder andere Kapitel zusammengefasst. Dieses Vorgehen wird zwar weitl\u00e4ufig angewendet, aber es ist nicht immer zielf\u00fchrend, denn es erlaubt es den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, sich der eigentlichen Zielsetzung, der gedanklichen Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk zu entziehen. Was also tun?<\/p>\n<p>An dieser Stelle half mir ein Online-Kurs weiter, den ich letztes Jahr absolviert hatte: Literature in the Digital Age. Auf den Kurs selbst m\u00f6chte ich hier nicht n\u00e4her eingehen &#8211; obwohl dieser ebenfalls ein Leseprojekt zur Folge hatte. Wichtiger ist hier, dass der Kursleiter Philipp Schweighauser auch eine Reihe von weiterf\u00fchrenden Literaturempfehlungen abgab, u.a. zu Franco Morettis &#8222;Graphs, Maps, Trees&#8220;. Dieses lesenswerte schlanke Buch bespricht die Verwendung grafischer Repr\u00e4sentationsmethoden bei der literturgeschichtlichen Untersuchungen. Im Kapitel &#8222;Trees&#8220; bespricht Moretti nebst anderen Themen die Entwicklung des Kriminalromans im 19. Jahrhundert und er entwickelt eine Theorie, welche Merkmale dazu f\u00fchren, dass eine bestimmte Auspr\u00e4gung einer Literaturgattung &#8211; hier der Krimi nach dem Muster von Conan Doyles Sherlock Holmes &#8211; besonders erfolgreich sind. Nach Moretti spielt dabei die Verwendung von Hinweisen auf den T\u00e4ter eine entscheidende Rolle.<\/p>\n<p>Diese Bemerkungen Morettis f\u00fchrten zu einer kurzen Recherche zur Geschichte des Kriminalromans, wobei ich auch auf einen alten Bekannten Poes &#8222;Der Doppelmord in der Rue Morgue&#8220; stiess. Diesen Text hatte ich bereits mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gelesen. Mir war aber auch bewusst, dass ich daf\u00fcr dieses Jahr die Zeit nicht finden w\u00fcrde. Trotzdem blieb die Frage im Raum, welcher Text nun als Urvater des Kriminalroman gelten d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>All diese \u00dcberlegungen flossen letztlich in die Planung des Literaturprojekts rund um D\u00fcrrenmatts &#8222;Der Richter und sein Henker&#8220; ein. Ziel war es weiterhin, ein literarisches Werk zu lesen, dabei aber auch den Zugang f\u00fcr die unterschiedlichen Begabungen und Interessen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Aktuell ist die Planung noch nicht abgeschlossen, klar ist aber, welche Fragestellungen dabei von Interesse sein k\u00f6nnten:<\/p>\n<ul>\n<li>Welche Personen spielen eine Rolle?<br \/>\nDarstellung der Personen in Text und Bild (Foto, Zeichnung)<\/li>\n<li>An welchen Orten spielt die Handlung?<br \/>\nOrte und zur\u00fcckgelegte Wege in einer Karte eintragen<\/li>\n<li>Wann spielt die Handlung? Ist sie linear oder gibt es R\u00fcckgriffe?<br \/>\nDarstellung der Handlung auf einem Zeitstrahl<\/li>\n<li>Aus welcher Perspektive wird die Geschichte erz\u00e4hlt?<br \/>\nVerbindung zum Originaltext (Erz\u00e4hlperspektive) und zu den Verfilmungen<\/li>\n<li>Welche typischen Elemente des Krimis werden verwendet?<br \/>\nVergleich mit anderen Kriminalgeschichten und -romanen<\/li>\n<li>Welche sprachlichen Mittel werden verwendet?<br \/>\nTextanalyse mit Hilfe des Computers<\/li>\n<li>Welche Mittel der Bildsprache werden verwendet (im Comic)?<br \/>\nWelches sind typische Elemente der Bildsprache im Comic?<br \/>\nAnalyse gem\u00e4ss Scott McClouds &#8222;Comics richtig lesen&#8220;<\/li>\n<li>Wie entstand die Literaturgattung des Krimis?<br \/>\nGeschichte der Kriminalliteratur, Lesen von fr\u00fchen Kriminalgeschichte<\/li>\n<li>Wie entstand die Literaturgattung des Comics?<br \/>\nGeschichte des Comics<\/li>\n<li>Welches sind wichtige Kriminalromane der Literaturgeschichte<br \/>\nvergleichende Literatur, Lesen von Kriminalromanen, Schreiben von Kurzzusammenfassungen<\/li>\n<li>Welches sind wichtige Krimiautoren?<br \/>\nBiografien, Untersuchung des zeitlichen und \u00f6rtlichen Erfolgs von Autoren<\/li>\n<li>Welches sind wichtige Figuren in Kriminalromanen?<br \/>\nAbstraktion der Figuren einzelner Werke auf Prototypen<\/li>\n<li>Welche Formen des Kriminalromans gibt es?<br \/>\nAuseinandersetzung mit der Vielfalt des Kriminalromans<\/li>\n<li>Wie ordnest du &#8222;Der Richter und sein Henker&#8220; in die Kriminalliteratur ein?<br \/>\nLiteraturvergleich und Einordnung eines literarischen Werkes<\/li>\n<\/ul>\n<p>Damit wird es m\u00f6glich, die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Text auf allgemeine Fragestellungen der Literatur und angrenzender Gebiete zu erweitern, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler unreflektiert Text zusammenkopieren und diesen als ihre eigenen gedanklichen Leistungen abgegeben, nicht weil sie damit gl\u00e4nzen wollen, sondern weil sie sich damit den intellektuellen Anstrengungen entziehen k\u00f6nnen, die eigentlich wesentlich f\u00fcr eine ernsthafte literarische Auseinandersetzung w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wie gut die Umsetzung eines solchen Projekts gelingt, wird sich zeigen m\u00fcssen, da diese wesentlich auch vom Engagement von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern abh\u00e4ngt. Durch die Erweiterung des Bezugsraum entstehen aber neue Zug\u00e4nge auch f\u00fcr sehr individuelle Interessen, welche die Chance f\u00fcr ein Gelingen wesentlich erh\u00f6hen, wobei auch ganz klassische Vorgehensweisen wie die Beschreibung eines Bildes Platz finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<ul>\n<li>McCloud, Scott (1994). Comics richtig lesen. Carlsen<\/li>\n<li>Moretti, Franco (2005). Graphs, maps, trees. Abstract models for literary history. Verso, London<\/li>\n<li>Poe, Edgar Allan. Der Doppelmord in der Rue Morgue (<a href=\"https:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/der-doppelmord-in-der-rue-morgue-2277\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Projekt Gutenberg<\/a>)<\/li>\n<li>Schweighauser, Philipp (2016). Literature in the Digital Age (Online-Kurs auf\u00a0<a href=\"https:\/\/www.futurelearn.com\/courses\/reading-digital\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">FutureLearn<\/a>)<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritiker unterstellen Online-Kursen, sie w\u00fcrden\u00a0nebst Kurzfutter-Videos und banalsten Multiple-Choice-Test nicht viel bieten. Die darin pr\u00e4sentierten Lerninhalte w\u00fcrden\u00a0angeblich nur oberfl\u00e4chlich verarbeitet und eine soziale Interaktion mit anderen Teilnehmenden entfalle g\u00e4nzlich. 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